
Ökonomischer / finanzmarktbezogener Effekt
Ökonomischer / finanzmarktbezogener EffektAnsteckungseffekt
Contagion Effect
Eine Krise in einem Land kann auf andere übergreifen, wenn Investorinnen und Investoren, Kreditgeber oder Märkte sie als miteinander verbundene Risiken behandeln; echte Ansteckung sollte jedoch von gewöhnlicher Interdependenz und gemeinsamem wirtschaftlichem Schwächezustand unterschieden werden.
Beliebtheit
Nützlichkeit
Aliasse
Finanzielle Ansteckung / Krisenansteckung / Währungsansteckung / Spillover-Effekt / Dominoeffekt
Bereiche
Internationale Finanzwirtschaft / Makroökonomie / Währungskrisen / Bankenkrisen / Finanzmärkte / Risikomanagement
Definition
- Der Ansteckungseffekt beschreibt die Ausbreitung einer finanziellen oder wirtschaftlichen Krise von einem Land, Markt oder Institut auf andere, besonders dann, wenn die betroffenen Länder oder Märkte stärker in Mitleidenschaft gezogen werden, als es ihre eigenen inländischen Fundamentaldaten allein erwarten ließen. In der Forschung zu Währungskrisen wird er oft als erhöhte Wahrscheinlichkeit eines spekulativen Angriffs auf eine Währung beschrieben, weil anderswo bereits eine Krise stattgefunden hat.
Kerngedanke
- Eine Krise kann verbundene Volkswirtschaften oder Märkte über Angst von Investorinnen und Investoren, Kapitalflucht, Handelsverflechtungen, Bankexpositionen, Schuldverflechtungen oder gemeinsame Gläubiger „anstecken“.
- Der Effekt ist am stärksten, wenn Märkte eng verknüpft sind, das Vertrauen fragil ist und Investorinnen und Investoren mehrere Länder oder Vermögenswerte als dieselbe Risikogruppe behandeln.
- Ein altes Börsensprichwort gilt weiterhin: Wenn das Vertrauen den Raum verlässt, zieht es die Tür selten höflich hinter sich zu.
So funktioniert es
- In einem Land tritt ein Schock auf, etwa eine Währungsabwertung, ein Zahlungsausfall, ein Bankenversagen oder ein Marktcrash.
- Investorinnen und Investoren bewerten ähnliche Länder, Märkte oder Vermögenswerte neu und ziehen möglicherweise rasch Kapital ab.
- Währungsverkäufe, fallende Vermögenspreise, restriktivere Kreditvergabe und Liquiditätsdruck greifen auf andere Volkswirtschaften über.
- Die Ausbreitung kann über reale Verflechtungen wie Handel und Bankkredite oder über psychologische und finanzielle Verbindungen wie Panik, Herdenverhalten und Portfolio-Umschichtungen erfolgen.
- Forschende unterscheiden oft echte Ansteckung von normaler Interdependenz: Von Ansteckung spricht man bei einer deutlichen Zunahme grenzüberschreitender Marktverknüpfungen nach einem Schock, während Interdependenz bedeutet, dass Märkte schon vor der Krise stark verbunden waren.
Anwendungsbeispiel
- Wenn die Währung von Land A zusammenbricht und Investorinnen und Investoren anschließend die Währungen von Land B und C verkaufen, weil sie ähnliche Schulden-, Banken- oder Exportrisiken vermuten, ist das ein möglicher Ansteckungseffekt.
- Beispielsatz: „Die Krise des thailändischen Baht löste 1997 in Teilen Asiens finanzielle Ansteckung aus.“
Bekanntes Beispiel
- Beispiel: Die Asiatische Finanzkrise von 1997, die im Juli 1997 in Thailand begann und sich in Ostasien ausbreitete; Spillover-Effekte erreichten auch andere Regionen.
- Warum es zu dieser Regel passt: Auf Thailands Währungskrise folgte Druck auf andere asiatische Währungen, Vermögensmärkte, Banken und Volkswirtschaften. Das zeigt, wie sich ein lokaler Finanzschock regional über Anlegerverhalten, finanzielle Verflechtungen und Vertrauenseffekte ausbreiten kann.
Anwendungsfälle / Situationen, in denen es relevant ist
- Währungskrisen, die sich über Länder hinweg ausbreiten
- Bankenpanik, die von einer Bank oder Region auf andere übergreift
- Börsencrashs, die sich auf globale Märkte ausweiten
- Staatsschuldenkrisen, die Länder mit ähnlichen fiskalischen oder externen Verwundbarkeiten betreffen
- Anlegerpanik, die Kapitalflucht aus einer Gruppe von Schwellenländern auslöst
- Risikomodelle zur Bewertung grenzüberschreitender Finanzstabilität
Wann man es nicht verwenden sollte / Häufige Fehlanwendungen
- Verwende ihn nicht für jeden Fall, in dem sich Märkte parallel bewegen; normale Interdependenz ist nicht dasselbe wie Ansteckung.
- Unterstelle keine Ansteckung allein deshalb, weil zwei Märkte gleichzeitig fallen; beide können auf denselben globalen Schock reagieren.
- Nutze den Begriff nicht, wenn sich die Krise des zweiten Landes hauptsächlich durch seine eigenen Fundamentaldaten erklären lässt.
- Verwechsle finanzielle Ansteckung nicht mit biologischer, sozialer oder emotionaler Ansteckung, sofern der Kontext nicht eindeutig nicht-ökonomisch ist.
- Verwende „Dominoeffekt“ nur mit Vorsicht als informelles Label; es beschreibt das Muster, beweist aber nicht die Ursache.
Ursprung / Entstehung
- Entwickelt von: Unbekannt. Für das allgemeine Konzept des „contagion effect“ in der Finanzwelt wird keine einzelne Person klar als Urheber genannt.
- Entstehungsjahr: Unbekannt. Die Idee wurde in der modernen Forschung zur internationalen Finanzwirtschaft in den 1990er Jahren prominent, besonders in Studien zu spekulativen Angriffen und Währungskrisen. Eichengreen, Rose und Wyplosz veröffentlichten 1996 einflussreiche Arbeit zu „contagious currency crises“.
- Land / Entstehungskontext: Internationale Finanzwirtschaft und makroökonomische Krisenforschung; besonders Forschung zu Währungskrisen, Schwellenländern und grenzüberschreitender finanzieller Instabilität.
Kurze praktische Quintessenz
- Eine Krise in einem Land kann auf andere übergreifen, wenn Investorinnen und Investoren, Kreditgeber oder Märkte sie als miteinander verbundene Risiken behandeln; echte Ansteckung sollte jedoch von gewöhnlicher Interdependenz und gemeinsamem wirtschaftlichem Schwächezustand unterschieden werden.